Der Brief von Friedrich Wilken an De Wette vom 5. April 1816 (V.N.)

Staatsbibliothek zu Berlin, Autogr. I/401/2, S.1, Auszug

Staatsbibliothek zu Berlin, Autogr. I/401/2, S.1

Die Transkription des Briefes (2)
                                                                                                                Rom, 5. April 1816
Mein lieber Freund,

Ihr Brief vom 2. des vorigen Monats hat mich in dieser alten Roma heute vor 8 Tagen gar unerwartet überrascht und wie Sie wohl selbst erachten, nicht wenig ergriffen. Meine Frau hat Ihnen, wie sie mir schreibt, schon gemeldet, daß der schöne ehrenvolle Antrag, welchen er enthält, nicht mehr in Heidelberg zu meiner Kenntnis gekommen ist.


… v. Rumdorf , durch welchen Sie auch diesen Brief erhalten werden, hatte die Güte am vorigen Posttage in seinem Bericht eine Bemerkung einzurücken, aus welcher Sie werden ersehen haben, daß die Ansicht von der Möglichkeit meiner Versetzung nach Berlin, soviel von mir abhängt, nichts bei mir geändert hat. Was ich in Heidelberg aufopfern werde, wie schwer mir der Abschied fallen wird, weiß ich;  aber gleichwohl bin ich fast überzeugt, daß ich in Berlin einen angenehmen Wirkungskreis und angenehme Verhältnisse finden werde, welche mich für das entschädigen werden, was ich aufzugeben habe.

 

Besonders bin ich davon überzeugt, daß ich hinsichtlich des wissenschaftlich anregenden und ermunternden Umgangs unendlich gewinnen werde – und diesen Gewinn schlage ich nicht geringer an. Es drückt mich nur die Besorgniß, daß Sie mein theurer Freund, und Ihre Kollegen mehr von mir erwarten als ich hiernach zu leisten im Stande sein werde. Daß es mir an gutem Willen nicht fehlt, weiß ich wohl; aber das, wozu Sie mich auffordern, scheint mir eine Aufgabe zu sein, welche mit gutem Willen allein sich nicht löst.

 

Höchst erwünscht wäre es mir gewesen, wenn Sie mich sogleich mit den Bedingungen bekannt gemacht hätten, welche man mir zu vergönnen geneigt ist. Mir selbst einen Preis zu setzen, das vermag ich nicht. Lieber will ich also Ihnen kurz angeben, was ich bisher in H. von ökonomischen Vortheilen genossen habe; machen Sie davon an gehörigem Orte Gebrauch.

Mein Gehalt besteht in 1700 Gulden; meine Vorlesungen brachten mir in den letzten 2 Jahren etwas über die Hälfte davon ein. Sie kennen die Kreise der … in H. u. können also beurtheilen, daß ich unter diesen Umständen mein ganz ordentliches Auskommen hatte. Nicht unermütet darf ich die sehr gegründete Hoffnung lassen auf eine baldige Vermehrung meines Gehalts, falls ich in Heidelberg bleiben sollte. Endlich können meine dareinstigen Relicten auf eine jährliche Pension von 660 Gl (die Kinder bis zum 21 Jahr) rechnen, und diese Pension steigt mit den Dienstjahren. Auf diesen letzten Vortheil bin ich verpflichtet ein großes Gewicht zu legen, weil weder meine Frau noch ich eigenes Vermögen besitzen.

 

Zu diesen Angaben muß ich noch hinzufügen, was das Vermächtnis meines eigenthümlichen Hauses in H. betrifft. Sie können leicht [Seitenwechsel] ermessen, daß ich es mit fremdem Gelde gekauft, großen Teils auch mit fremden Gelde eingerichtet habe; erst in dem letzten Jahr konnte ich anfangen, daran zu denken, etwas von der Schuld abzutragen. Dann hatte ich schon die Absicht es zu verkaufen, sobald sich eine vortheilhafte Gelegenheit dargeboten habe; jetzt wenn dieser Verkauf schnell geschehen muß, wird er nicht ohne bedeutenden Schaden für mich ablaufen. Für diesen Verlust, falls es wirklich Statt haben sollte, könnte ich vielleicht durch einen Zusatz von etwas 3 oder 400 G zu dem gewöhnlichen Reisegelde entschädigt werden, denn höher würde er sich nicht belaufen, wie ich hoffe.

 

Da haben Sie nun, theuerster Freund, die Data, deren Benutzung ich Ihrer Freundschaft überlasse. Wie erfreulich mir der Beweis des Zutrauens den Sie und Kollegen mir gegeben haben, ist, darf ich Ihnen nicht erst sagen und für meine große Bereitwilligkeit Ihrer ehrenvollen Einladung und Aufforderung nach meinen Kräften zu entsprechen, bürgt Ihnen dieser Brief. Durch meine baldige weitere Eröffnung würden Sie mich sehr verbinden, und wegen der unbestimmten Dauer meines hiesigen Aufenthalts bitte ich Sie, zwar Ihren Brief an meine Frau in Heidelberg zu schicken, einem kurzen Auszug daraus aber durch die Vermittlung des Herrn von Ramdohr an mich gelangen zu lassen, für den Fall, daß ich länger hier aufgehalten werden sollte. Übrigens habe ich die 847 deutschen Handschriften, unter welchen viel schlechtes Zeug ist, heute übernommen. 200 davon könnte man ohne allen Nachteil verbrennen oder in die Tiber werfen, unter den übrigen sind aber noch außer bekannten poetischen mehrere sehr treffliche Sachen; die Reise hierher waren sie wohl werth. Unsere Universität wünscht daraus eine köstliche Zierde u. sie hat Ursache die preuss. Regierung, die sich so edel und kräftig dafür verwandt hat, hoch zu verehren. Ihre Recension von Lepenius ist übrigens schon vor geraumer Zeit abgedruckt worden. Wie geschah es, daß sie Ihnen nicht zu Gesicht kam?

 

Noch einen Punct muß ich in Berücksichtigung bringen hinsichtlich meiner Angelegenheit. Wäre es nicht billig bei Bestimmung meines Gehalts auch darauf Rücksicht zu nehmen, daß auch die Bibliothek besonders in den ersten Jahren so beschäftigen würde, daß ich schwerlich zu vielen Vorlesungen Zeit behielte?

 

Nun zum Schluß die aufrichtige Versicherung der herzlichsten Freundschaft.

 

                                                                                                                                                          Wilken

 

Übrigens wünsche ich sehr, daß diese Sache, bevor sie abgeschlossen ist u. ich meinen Abschied mit Bestimmtheit fordern kann, nicht in Heidelberg bekannt werden möge. Sorgen Sie doch dafür, soweit Sie vermögen.

 

An Eichhorn habe ich ebenfalls heute in dieser Angelegenheit geschrieben, nämlich den Geh. Legations Rath, was Ihnen auch recht sein wird, er hat immer gar viele Freundschaft für mich gehabt; ich schließe den Brief an Sie ein. Wollen Sie ihn nicht behalten, so ist es mir auch recht.


Kommentar zum Brief Wilken an De Wette

 

Der Brief[1] Friedrich Wilkens an den evangelischen Theologieprofessor Wilhelm Martin Leberecht De Wette zeichnet sich durch einen hohen Informationsgehalt aus. Dieser ergibt sich einerseits aus den vom Schreiber explizit genannten Fakten und andererseits durch die Analyse des Ausdrucks. So erfahren wir etwa die Höhe von Wilkens Gehalt aus seiner Zeit in Heidelberg und konkrete Zahlen bezüglich seiner erhofften Pension. Um sich allerdings genauer ein Bild von der Bedeutung und Entlohnung der universitären Ämter in diesen Jahren machen zu können, wäre es hilfreich, weitere Informationen zu den damals üblichen Haushaltsausgaben (Ernährung, Miete, Fahrgeld etc.) zu besitzen. Allerdings wird aus seinen eigenen Aussagen deutlich, dass Wilke trotz seiner bisherigen Professorenstelle zu keinem wesentlichen Vermögen gelangt ist. Als verheirateter Mann aus bescheidenen Verhältnissen und womöglich einziger Ernährer seiner Familie erscheint es logisch, dass der finanzielle Aspekt eine große Bedeutung für ihn besitzt. Dieser Umstand ist auch für den Briefempfänger nachvollziehbar gewesen; so hatte De Wette selbst kein begütertes Elternhaus aufzuweisen und musste neben seiner Lehrtätigkeit durch das Verfassen von Büchern beständig weitere Geldquellen erschließen.

 

Im Brief werden 847 Handschriften erwähnt, derer Wilken sich im Auftrag seiner Universität angenommen hat. Schon in Heidelberg war Wilken mit der Verwaltung der hauseigenen Bibliothek betraut worden und trug dadurch auch die Verantwortung für Neuerwerbungen.

 

Interessant erscheint die warmherzige, enge Freundschaft zu dem Literaten und Kollegen De Wette, dem gegenüber sich Wilken sehr ehrlich und offen zeigt. Er räumt ein, dass ihm der Abschied aus Heidelberg schwer fallen würde und macht ihn darauf aufmerksam, dass er sich auch nur unter bestimmten ökonomischen Bedingungen für die Versetzung nach Berlin entscheiden kann, da er auf eine gewisse finanzielle Basis dringend angewiesen ist. Wilken zeigt sich bescheiden, wenn er sagt, dass er möglicherweise die Erwartungen seines Freundes und der Kollegen nicht erfüllen kann und wenn er selbst nicht imstande ist, sein Wunschgehalt zu nennen. Wir können dies als Hinweis darauf ansehen, dass der Briefempfänger Wilkens Vertrauen in vollem Maße besitzt. Dies kann durchaus mit dem ähnlichen Lebenslauf De Wettes begründet werden. Dieser war ebenso wie Wilken als Professor an der Heidelberger Universität (ab dem Jahre 1807) und vollzog 1810 seinen Wechsel nach Berlin. Er sah sich möglicherweise also mit ähnlichen Zweifeln und Gedanken konfrontiert. Dagegen mutet es für uns heute seltsam an, dass sich beide Männer mit „Sie“ ansprechen, während man sich nicht wenig mit Formulierungen wie „theuerster Freund“ bedenkt.

 

Das Schriftbild des vorliegenden Briefes ist sehr regelmäßig, mit sehr seltenen Verbesserungen bzw. unsauberen Ausführungen. Wilken kann daher als sehr reflektierter, gedanklich aufgeräumter Schreiber betrachtet werden. Allerdings lassen sich zum Teil kleingeschriebene Substantive finden und eine Uneinigkeit bezüglich der Abkürzungen („und“ bzw. „u.“). Je nach dem Grad der Einheitlichkeit der damaligen Rechtschreibung lassen sich diese Auffälligkeiten der Verantwortung Wilkens zuordnen (und bei einem Professor geht man in der Regel von umfangreichen Kenntnissen der jeweiligen Muttersprache aus).

 

Im Brief existieren mehrere unterstrichene Passagen. Die höchstwahrscheinlich von Wilken gekennzeichnete Stelle (schwarz unterlegt), lässt auf gewisse Zweifel seinerseits schließen, was den Verkauf seines Hauses bzw. die künftige Entwicklung im Allgemeinen angeht. Die anderen, recht grob mit einer Art Buntstift durchgeführten Hervorhebungen (rot) bleiben mysteriös. Ihr Urheber ist nicht bekannt; es handelt sich dabei wohl um einen dritte Person. Oder wollte De Wette selbst bestimmte Aspekte des Briefes hervorheben? Zum Teil handelt es sich nämlich bei diesen Unterstreichungen um Fakten (Namen, Zahlen), während andere Überlegungen Wilkens kennzeichnen.

 

Der Brief trägt als Unterschrift lediglich den Nachnamen seines Verfassers. Darunter findet sich noch ein Zusatz, der allerdings nicht mit einem „post scriptum“ gekennzeichnet ist.


[1]Es ist nur das beidseitig beschriebene Papier, nicht aber der Briefumschlag erhalten.

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