Nachlass 172, Kasten 2, Mappe 11, Brief 12 (R.Z.)



Mappe 11: A.B. an David Schulz (15 Briefe in Abschrift)

Inhaltverzeichnis von K. Tzschirner: „Briefe August Böckhs an meinen Großvater David Schulz. (...) 1-11 sind nach Halle, 12-15 nach Dresden adressiert. K. Tzschirner.“

 








Brief 12:

Seit langer Zeit, lieber Freund, haben wir uns nicht mehr geschrieben; was mich betrifft, darum, weil das Leben immer mannigfaltiger und darum schwieriger wird, so daß einem, der einigermaßen in seinen abgemüßigten Nebenstunden noch für sich arbeiten will, wenig Zeit übrig bleibt, um mit alten Freunden sich in Muße zu unterhalten. Auch jetzo geht es mir nicht viel besser, und ich benutze aber eine Zwischenstunde, um, was ich schon lange wollte, Dir einmal wieder zu schreiben, wenngleich für den Augenblick mich ein selbstsüchtiger Grund dazu bestimmt. Ich höre nämlich, daß Du von Schneider den griechischen Meletius de natura hominis zur Herausgabe besitzt, in welchem (edit. Lat. p. 86) ein Fragment des Pindar steht: Thorax igitur locus, qui alimentum accipit, est. Quidam autem vir madentem θωρήξασθαι dixerunt, ut Hippocrates: λιμòν θώρηξις λύει, Ebrietas, inquit, famen solvit. Et Pindarus in Dithyrambis : Άλόχω˛ ποτ̀ε θωραχθὲις  ̉επέχεεν  ̉αλλότρια etc. Die wahre Lesart ist ohne Zweifel die von Schneider durch Conjectus gefundene und mir mitgetheilte ̉επέχραεν, wo man dann ̉αλλοτρία˛ schreiben muß; ich möchte aber, da ich gegenwärtig mit der Bearbeitung der Pindar’schen Fragmente beschäftigt bin, doch wissen, ob der griechische Meletius nicht dasselbe, oder was er überhaupt enthält, und ersuche Dich daher, mir zu schreiben, wie diese Stelle von den Worten an, wo die von mir excerpirte Stelle der Übersetzung anfängt, in dem Originale lautet. Ich hoffe, diesen Winter mit der Bearbeitung dieser Fragmente fertig zu werden, und will dann künftigen Sommer die letzte Hand an den Pindar legen. Gegenwärtig lasse ich die Scholien drucken, stark [...] und verbessert, welche [...] die [...] fertig machen.

[...] meinem übrigen Leben und meinen Stunden will ich nicht viel sagen. In meiner Familie lebe ich recht vergnügt, außer daß mein älterer [...] seit einem halben Jahr an einer Augenkrankheit leidet, welche jedoch nicht gefährlich ist und hoffentlich auch nicht mehr lange dauern wird. Im Übrigen bin ich hier ziemlich zufrieden; ganz zufrieden kann man aber gegenwärtig nirgends sein. Ich arbeite fast [...], dies [...], und finde dabei auch die meiste Lust und Beruhigung; mit meinen Geschäften bei der Universität geht es gut, und das Einzige, was mir daran zuwider ist, ist der [...] was alle Jahre mein [...] ist, und wovon befreit zu werden ich eben keine Aussicht sehe: wenn ich nicht einmal im Verdruß den [...], wie Schneider und Wolf es, denke ich, auch gemacht haben, und andere mehr, denen das [...] der leeren zuwider war. Denn man mag so gut [...] als man will; [...] wird doch nicht dabei [...]. Bei der Akademie der Wissenschaften ist eben auch keine große Freude; das Beste dabei ist, daß man nolens volens denn doch einmal eine Abhandlung schreibt, die man ohnedies nicht geschrieben hätte, und auch dabei etwas herauskommt. Außerdem habe ich von der Akademie der Wissenschaften die Herausgabe eines Thesaurus Inscriptionum Graecarum übernommen, welchen ich aber einstweilen auf ein Jahr und darüber zurückgelegt habe, um den Pindar zu vollenden.

Du hast mir öfter Kleinigkeiten zugesandt, ich Dir gar nichts, nicht weil ich das nicht gern thäte, sondern weil ich zu nachlässig bin, aber eigentlich wohl, weil ich zu wenig Gewicht darauf lege, (...)“

 

Eigener Kommentar:

Diesen Brief hat Boeckh am 14. Januar 1819 als ersten aus Berlin (nicht mehr aus Heidelberg) an den Großvater Dr. David Schulz (Theologie) seines Freundes Tzschirner geschickt. Aus diesem Brief geht hervor, welchen Tätigkeiten Boeckh u.a. nachgegangen ist. Als Klassischer Philologe beschäftigte er sich mit vielen lateinischen und altgriechischen Texten. David Schulz ist offensichtlich ebenfalls in der Klassischen Philologie tätig, da er sogar ein Werk zur Herausgabe besitzt. Boeckh ist ebenfalls mit der Herausgabe verschiedener lateinischer und altgriechischer Werke beschäftigt. Allerdings hat er auch Aufgaben, mit denen er nicht zufrieden ist.

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